Die Wirklichkeit ist von Vernunft getragen

Wien: Kardinal Schönborn, der Physiker Walter Thirring und der Astrophysiker Marco Bersanelli sprachen bei der Eröffnung der Ausstellung über das Universum “Wozu die viele Lichter?” – Wiens Erzbischof: Mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Methode kann man weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes beweisen.

Wien, 3.5.07 (KAP) Die dem Menschen gegebene Möglichkeit, Gesetzmäßigkeiten aus der Beobachtung der Natur abzuleiten, weist darauf hin, dass die Wirklichkeit im Ganzen “von Vernunft getragen und durchwirkt” ist. Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn bei einer Podiumsdiskussion mit dem Physiker Walter Thirring und dem italienischen Astrophysiker Marco Bersanelli aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung “Wozu so viele Lichter? Die Milchstraße in Wissenschaft, Geschichte und Kunst” in der Wiener Universitätsbibliothek am Mittwochabend.

Dabei erinnerte der Kardinal an die “zunächst nicht theologische, sondern philosophische” Frage Albert Einsteins: Warum ist die Wirklichkeit erkennbar? Erkennbarkeit setze ein vernünftiges Ordnungsprinzip voraus, denn “wäre die Wirklichkeit bloßes Chaos, so wäre nichts in ihr zu erkennen”, so Schönborn. Der Wiener Erzbischof verwies darauf, dass dies bereits in der biblischen Weisheitsliteratur deutlich formuliert sei, wo es heißt, Gott habe alles “nach Maß, Zahl und Gewicht” geschaffen. Die “plausibelste Antwort” auf die Frage Einsteins laute, dass es “eine Vernunft, einen Logos, eine Ratio in den Dingen geben muss, die es ermöglicht, dass unsere Vernunft sie ergründen kann”.

Kardinal Schönborn formulierte die Anfrage, ob die streng quantitativ vorgehenden Naturwissenschaften “notwendig materialistisch” sein und damit “Geist und Schöpfer” zugleich ausschließen müssten. Die Versuchung sei groß, so der Wiener Erzbischof, die Wirklichkeit der Naturwissenschaften “für die einzige und ganze Wirklichkeit zu halten”. Aber auch die Ausblendung des Geistes sei nur durch einen “höchst geistigen Akt” möglich: “Auch der Materialismus ist eine geistige Option”. Mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Methode könne man weder die Nichtexistenz Gottes noch die Existenz Gottes beweisen, unterstrich Kardinal Schönborn.

“Staunen vor Harmonie und Komplexität”
Der italienische Astrophysiker Marco Bersanelli (Universität Mailand), der die Ausstellung gemeinsam mit Studenten zusammengestellt hat, betonte, die Naturwissenschaft könne auf die Leitfrage der Ausstellung nach dem Warum der Universums keine Antwort geben. Versuche sie es trotzdem, so Bersanelli, “wird Wissenschaft zur Ideologie”. Die Wissenschaft könne jedoch helfen, das “Staunen vor der Schönheit, Harmonie und Komplexität dieses Universums deutlich zu machen”. Auf diese Weise würde die Naturwissenschaft dazu beitragen, “die Urfrage nach dem Sinn neu zu entdecken”. Die Ergebnisse der Naturwissenschaften seien daher “Zeichen, die auf etwas jenseits der Wissenschaften selbst hindeuten”. Die “Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis und der Beschreibung der Wirklichkeit” stelle ein “Geschenk” dar, so Bersanelli, mit dem man sich der Frage nach einer “ursprünglichen Intelligenz” durchaus nähern könne.

Die Leitfrage der Ausstellung ist ein Zitat aus dem Werk des großen italienischen Dichters Giacomo Leopardi, der sich angesichts der Unermesslichkeit des Sternenhimmels die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz stellte. Auch der moderne Mensch sehe den Zusammenhang zwischen der Frage nach dem Sinn des Universums und dem Sinn des menschlichen Lebens. Die moderne Naturwissenschaft bestätige diesen Zusammenhang, weil nur auf Grund bestimmter Konstellationen die wohnliche Erde entstehen konnte. Das Werden und Vergehen der Sterne habe die “Grundstoffe des Lebens” produziert: “Wir sind aus ’Sternenstaub’”.

Auch der Wiener Physiker Walter Thirring – der vor wenigen Tagen 80 wurde – betonte in seinem Referat, dass der Mensch trotz seiner vermeintlichen kosmologischen Bedeutungslosigkeitkeinen Grund habe, sich als unbedeutendzu betrachten, “denn immerhin sind wir jajene, die den Bauplan des Kosmos verstanden und beschrieben haben”. Die Naturwissenschaftkönne die Frage “Ziel oder Zufall?” nicht beantworten; aber es sei “alles so fein abgestimmt, dass der Mensch entstehen konnte”.

Die Ausstellung “Wozu so viele Lichter? Die Milchstraße in Wissenschaft, Geschichte und Kunst” war im Vorjahr beim “Meeting für die Freundschaft der Völker” in Rimini gezeigt worden und wurde jetzt auf Initiative von Kardinal Schönborn nach Wien geholt. Zu besichtigen ist die Ausstellung kostenlos im Hauptgebäude der Universität Wien vom 3. bis 18. Mai. Veranstalter sind die “Atlantis Kulturinitiative”, die katholische Organisation “Gemeinschaft und Befreiung” (Comunione e liberazione), die Universitätsbibliothek Wien und die Katholische Hochschulgemeinde (KHG). Der Wiener Hochschulseelsorger P. Josef Claveria hob bei der Eröffnung hervor, dass alle Arbeiten im Zusammenhang mit der Ausstellung gratis von Studenten geleistet worden sei, deren Fächer nicht Physik oder Astronomie seien, die aber im Sinn der eigentlichen Aufgabe der Universität “nach dem Ganzen streben”.

Im ersten Teil der Ausstellung veranschaulichen Bilder die Mythen und Legenden, mit denen die Menschen seit jeher die Entstehung des Alls zu deuten versuchten. Der zweite Teil erläutert die wissenschaftliche Entwicklung und die Entschlüsselung der Baugeschichte der Milchstraße. Der dritte Abschnitt erklärt, warum die Position der Erde in der Milchstraße einen privilegierten Ort darstellt, an dem Leben entstehen konnte.

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